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Über das Geheimnis von Geschichten

Seit frühester Kindheit hören und erzählen wir Geschichten, kleine und große, dramatische und alltägliche, interessante und langweilige. Wir nutzen diese Geschichten nicht nur, um anderen Menschen Erlebtes mitzuteilen, sondern auch, um das Erlebte für uns zu interpretieren und verständlich zu machen. Geschichten stiften Sinn – der Sinn, den wir brauchen, um uns in dieser Welt zurechtzufinden. Geschichten schaffen aber auch Bedeutung und auf diese Weise bilden wir uns unsere Lebensgeschichte, über unsere Person, über unsere Lebensverhältnisse, unseren Beruf, die Kollegen, Nachbarn, und Freunde. Und dann folgen wir dieser Lebensgeschichte und lassen sie zur Realität werden. Erlebtes wird so interpretiert und die Interpretation beeinflusst unser Erleben. Und so werden wir zum Helden, der den Drachen besiegt, die Prinzessin errettet und den Goldschatz birgt. Dabei umgeben uns Verbündete, Widersacher, Türhüter, Magier, Geheimnisträger, Clowns und Weise.

 

Manchmal küssen wir auch Frösche oder finden uns in der Rolle des Dornröschen wieder, das auf seine Erlösung wartet. Oder wir sind im tiefsten Kerker eingesperrt und kommen nicht heraus.

 

Und so, wie wir uns über Geschichten definiert haben, können wir diese Geschichten gezielt verändern und damit unsere Selbstwahrnehmung, unsere Lebenssituation und die Menschen um uns verändern. Denn der »Glückspilz« handelt anders als der »Pechvogel«.

 

Auch im Unterricht lassen sich Geschichten in vielfältiger Weise effektiv einsetzen. Sie wecken Emotionen, haben ein großes Erinnerungspotential und können die Schülerinnen und Schüler in ihren Bann ziehen. Gute Geschichten machen neugierig, fesseln und schaffen eine Vielzahl von Identifikationsmöglichkeiten. So lassen sich Schülerinnen und Schüler in Geschichten integrieren und darin eine Rolle einnehmen, um sich auf diese Weise mit Haltungen, Handlungsweisen und Einstellungen auseinanderzusetzen. Oder in der Auseinandersetzung mit einer Geschichte lassen sich Inhalte, Handlungmöglichkeiten und Werte gemeinsam reflektieren.

 

Aber was braucht man für eine gute Geschichte? Muss man nicht ein Max Frisch,  Steven King oder Ken Follet sein, um sie zu erfinden? Nein, denn wir wissen alle instinktiv, was eine gute Geschichte ausmacht und die Wissenschaft bestätigt uns darin, denn alle Geschichten haben eine bestimmte Struktur, bestimmte Orte und typische Figuren, die für bestimmte Prinzipien stehen. Diese Strukturen können wir gut nutzen, um eine geeignete Geschichte zu konstruieren.

 

Im Mittelpunkt jeder Geschichte steht der Held (die Heldin), also eine Hauptfigur, die in ein Abenteuer gerät. Dieses Abenteuer kann die Suche nach einem Schatz sein, eine Bedrohung durch einen Gegner oder irgendeine andere Herausforderung, die ihn dazu zwingt, zu handeln. Helden werden durch Konflikte bestimmt und dadurch kommt Dynamik in die Geschichte, denn eine Geschichte ohne jede Spannung ist langweilig und uninteressant. Definieren Sie also zunächst Ihren Helden. Für welche Idee, Haltung oder welches Prinzip steht er oder sie? Und welches »Problem« hat er? Was fordert ihn heraus? Eine Aufgabe, eine Bedrohung, eine Person, ein Erlebnis? Auf dieser Basis lässt sich nun eine Geschichte konstruieren, die – grob gesagt – darin besteht, dass der Held seinen Konflikt löst und am Ende den Schatz, die Prinzessin oder den Sieg über den bösen Feind erzielt oder aber auch reifer und klüger geworden ist.
Zum Handeln braucht der Held Figuren, mit denen er sich auseinandersetzt, die ihn unterstützen, fördern, ihm Tipps geben oder ihn bekämpfen und den Weg versperren. Diese Figuren stehen immer für Prinzipien und genau deshalb sind sie für uns so interessant. Denn es sind nicht einfach Personen, um die es geht, sondern stets Prinzipien und Werte, die miteinander ringen und genau deshalb beschäftigen wir uns mit Geschichten.

 

Wenn wir dann noch diese Geschichten auf die Themen des Unterrichts, eine spezifische Problematik oder auch eine spezifische Fragestellung beziehen, dann lassen sich mit Hilfe der Geschichten Zusammenhänge aufzeigen, Lerninhalte integrieren oder auch Fragestellungen und deren Lösungen erarbeiten.

 

Mut zum Geschichtenerzählen – es lohnt sich.

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